Samstag, 29. August 2026

005 Das grosse Erdbeben in Haiti

Unmittelbar vor Weihnachten 2009 lernte ich Raymonde, eine junge Haitianerin mit ihren zwei Kindern Steki und Chichi kennen. Sie waren mausarm und kurz vorher aus Port au Prince im nahen Haiti nach Las Terrenas gekommen. Wie freundeten uns an und schon bald zog sie in mein Häuschen am Palapa Beach ein. Nur wenige Wochen später, am 12. Januar 2010, geschah das grosse Erdbeben.

Es war der 12. Januar 2010, am frühen Abend so gegen halb Sechs. Ich sitze am Tisch und klimpere auf der Tastatur meines PC, da wackelt die Erde unter mir. Raymonde sitzt mir gegenüber und schaut mich an, `ein Erdbeben`.

Wir schalteten das Fernsehen an und warteten auf die Nachrichten. Dann kam die Meldung, `Starkes Erdbeben in Haiti, Epizentrum ist die Hauptstadt Port au Prince`. Raymonde kommt aus Port au Prince und ruft sofort ihre Mutter Madou an, keine Antwort. Sie ruft ihren Bruder Jodny an, keine Antwort, Sie ruft ihren zweiten Bruder Alvin an, ebenfalls keine Antwort. Sie ist schwer beunruhigt. In den nächsten Nachrichten wird gemeldet, die Stadt Port au Prince liegt in Schutt und Asche. Bange Stunden vergehen. Am nächsten Tag gibt es weitere Meldungen, es sind viele Menschen beim Einsturz der Gebäude gestorben, noch mehr sind verletzt. Wir fragen uns, was können wir tun?. Port au Prince ist 600 km von uns entfernt und die ganze Insel hat gebebt.

Ich nutze die Zeit und orientiere mich über frühere Erdbeben. Ja, da gibt es viele auf der Insel. Es gibt auch mehrere Erdbebenkarten, wo und wann schon mal die Erde gebebt hat. Es gibt sogenannte Tektonische Verschiebungen, grosse Erdkrusten-Platten schieben sich über einander, an einander vorbei, gegen einander und von einander weg. Und wenn die tektonischen Platten mit einander verkeilt sind, treten hohe Spannungen auf, die sich irgendwann mal durch Erdbeben entlasten.

Auch in Las Terrenas hat das letzte Mal 1946 ein starkes Erdbeben mit Opfern stattgefunden. Der Puerto Rico Graben liegt 60km vor der Küste. Dort schieben sich die amerikanische Platte und die karibische Platte jedes Jahr 2cm an einander vorbei bzw. es bauen sich einfach Erdspannungen auf, die sich von Zeit zu Zeit durch Erdbeben entlasten. Ich rechne das rasch durch. Seit 1946 sind 66 Jahre ohne Erdbeben vergangen. Es ist also auch für Las Terrenas ein sehr starkes Erdbeben zu erwarten, das wird mir schlagmals klar, aber das wird ja wohl nicht heute oder morgen kommen. Aber was können wir für die Erdbebenopfer in Port au Prince tun?

Einige Zeit nach diesem Erdbeben sprach ich per Zufall mit einer alten Dame, die mir von ihrem Erlebnis des Erdbebens von 1946 berichtete. Sie war damals als Mädchen gerade am Meer, als die Erde bebte. Etwa 15 Minuten später sah sie plötzlich, wie das Meer sich zurück zog und die Korallenbänke freilegte. Sie realisierte sofort, was das war, das Meer holte Luft und würde dann mit einer grossen Welle wieder zurück kommen. Sie rannte, so schnell sie konnte, gegen die Loma zu und dann war die Welle auch schon da, sie schwappte durch ganz Las Terrenas und spülte alles fort, was sich bewegen liess. So weit der Bericht der alten Dame.



Einen Tag nach dem Erdbeben

Am 13.Januar meldete sich Rita Hirt, eine Freundin aus Zürich und erklärte mir, dass Marcel, ein naher Freund von ihr, aus einer Familienstiftung eine grössere Summe zur Verfügung stellen will, um Soforthilfe zu leisten. Wenn ich zustimme, sei das Geld am nächsten Tag auf meinem Konto und ich könne es nach eigenem Ermessen sofort in Haiti einsetzen. Allerdings mit der Massgabe: 'Leiste Erste Hilfe vor Ort, richte eine Suppenküche ein und sammle Kinder von der Strasse auf, die ihre Eltern verloren haben!'

Als ich das Mail von ihr las, bekam ich Gänsehaut. Wie kann ich das anpacken? Ich muss mir einen Jeep mieten und entscheiden, was ich an Hilfsgütern mitnehme. Aber ich kann doch nicht einfach die 600km hinfahren und dann wie ein Ochs vorm Berge da stehen und nicht wissen, was dann zu tun ist. Denn ich muss vor Ort eine Hilfsmannschaft zusammenstellen, die Hilfe organisieren und eine Unterkunft mit Kommunikations-Zentrum einrichten.

Als ich das mit Raymonde beprach, lachte sie nur und sagte, lass` mich das mal machen, ich habe viele Freunde dort. Sie griff zum Telefon und als sie endlich ihre Mutter am Telefon hatte, war sie erst mal sehr froh, dass es ihr gut ging. Dann erklärte sie ihr das Problem und Mama Madou versprach, alles vor Ort zu organisieren. Und als ich nachher fragte, was `vor Ort` heisst, erklärte sie mir, dass das La Saline, der Slum am Hafen von Port au Prince sei.

Ich teilte dann Rita in Zürich mit, dass ich die Aufgabe annehmen und managen werde und schon am nächsten Tag war das Geld auf meinem Konto.

Das ist Mama Madou mit Adrien, ihrem Mann, die Eltern von Raymonde. Sie lebten beim Erdbeben in einem kleinen eingeschossigen Haus in La Saline am Hafen von Port au Prince in Haiti. Sie hatten dort einen Comedor, ein kleines Restaurant für die Menschen in La Saline

Mama Madou und Adrien wollten das ganze Projekt vor Ort organisieren und leiten. Sie waren überglücklich, dass nun Hilfe in der Not kommen werde.

Der nächste Tag war sehr hektisch für mich. Als erstes brauchte ich einen Jeep mit Allradantrieb, denn die Strassen in Haiti, so hatte ich mich erkundigt, waren damals in einem erbärmlichen Zustand. Ich klapperte alle Autovermietungen in Las Terrenas ab, aber ich bekam keine Zusage, sogar Sainar an der Calle Duarte, der ein guter Bekannter von mir war, erklärte mir, dass ihm das Risiko in Haiti zu hoch sei und überhaupt, keine Versicherung würde ein Auto für eine Fahrt in das Erdbebengebiet von Haiti versichern. Da stand ich nun mit nur meiner Pasola, wie bekam ich das Projekt in die Gänge? - Aber, liebe Freundinnen und Freunde, Raymonde wusste mal wieder, was Sache ist. Sie hatte einen Bekannten, Andy, der ab diesem Moment zu einem meiner besten Freunde wurde, der hatte einen Geländewagen, Chevrolet Tracker.

Und Andy sagte zu, ich könne den Jeep für 12000 Peso für eine Fahrt hin und zurück bekommen, müsse aber für alle Schäden am Auto aufkommen. Ich nahm das an, war es doch meine einzige Option. - Und ich bekam das Auto innerhalb von 1 Stunde und der Einkauf konnte beginnen.. Ich hatte mir ja schon vorher gemeinsam mit Raymonde eine Liste gemacht und am Abend war das Auto vollgepackt, für eine Reise ins Unbekannte, in das 600km entfernte Erdbebengebiet von Haiti.




Schon sehr früh am nächsten Tag ging es los. Die asphaltierte Strecke über Santo Domingo nach Barahona war kein Problem, von da bis an die Grenze von Jimani, am Lago Enriquillo vorbei war Schotterpiste und an der Grenze musste ich noch ein Grenzproblem mit Geld lösen.

Von der Grenze bei Jimani bis Port au Prince waren es noch etwa 80km und als wir dort
ankamen, war es schon dunkel geworden.

Jetzt sah ich über die Silhouette der Stadt, bzw. was davon noch übrig war hinweg, das licht-, rauch- und geruchverbreitende Feuer, wo die Leichen verbrannt wurden. Die Menschen auf der Strasse hatten z.T. Geruchsmasken vor dem Gesicht. Weil es keine Elektrizität gab, war alles in ein gespenstisches Schwarz getaucht, nur der Feuerschein der Leichenverbrennung war in der Ferne auf makabre Weise zu sehen.

Ich fuhr zwischen Schuttbergen hindurch, in denen sich Menschen im Schein von brennenden Feuern bewegten und musste aufpassen, nicht auf Trümmerbruchstücke aufzufahren, begleitet von den Hinweisen von Raymonde, die mich im Schein der Autolampen irgendwohin dirigierte. Dann waren wir plötzlich angekommen.

Der kleine Ortsplatz in ‚La Saline’ zwischen den kaputten Häusern war übersät mit in weisse Laken eingehüllte Menschen, die sich zum Schlaf auf Tücher und Plastikfolien gebettet hatten und nur kurz den Kopf hoben, als wir ankamen. 



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