Dienstag, 1. September 2026

014 Begegnungen unter Palmen am Meer

 

Alles, was ich hier beschreibe, sind meine Begegnungen mit Menschen auf der Insel Hisaniola, die dort leben oder gelebt haben. Ich habe mich bemüht, diese Begegnungen so zu gestalten, dass sie jedes Mal in ihrem Dasein danach ein wenig glücklicher waren. Vielleicht ist dies nicht immer ganz gelungen, was ich ausdrücklich bedaure. Ich hatte einige Freunde, von denen ich hier berichten möchte. Da ist zunächst meine liebe Freundin Sylvie Bisser, eine Neurologin aus Strasbourg, die in einem wunderschönen Haus auf der Loma Vanderhorst wohnte, aber zumeist nicht zuhause war, weil sie einen Forschungsauftrag über die Schlafkrankheit in Guayana von der Bill Gates Stiftung hatte. 


.1 Sylvie und ihre Freunde auf der Loma Vanderhorst

Die Loma Vanderhorst ist einer der vordersten Hügel über Las Terrenas, mit einem herrlich-weiten Blick über das Flachland auf das Meer, mit direktem Ausblick auf den Golfplatz hinter der Playa Ballenas. Dort auf dem Berg hat Sylvie aus Strasbourg ihr wahrlich traumhaft schönes Haus, in dem ich auf ihre Einladung hin für 3 Monate gewohnt habe. Sie lud gute Freunde ein, in ihrem Haus zu wohnen, wofür diese dann auf ihr Haus achteten, damit es stets bewohnt ist und nicht leer steht. Zudem hatte sie einen Verwalter angestellt, der auch die Gartenanlagen gepflegt hat. Sylvie war eine bezaubernde, angenehm-fröhliche Erscheinung, die auf mich eine starke Anziehungskraft ausgeübt hatte und sie war mir mit ihrer kleinen Tochter Iris in herzlicher Zuneigung begegnet. Ich war für sie so etwas wie ein technischer Berater in allen Lebensfragen und habe auch kleinere Unterhaltsaufgaben für ihr Haus in die Wege geleitet. Sylvie hätte es gerne gesehen, wenn ich länger dort gewohnt hätte, und ich hatte das auch ernsthaft in Erwägung gezogen, aber ich zog es doch vor, direkt am Meer zu wohnen, um stets in direktem Kontakt mit La mère, dem Geist der Erde sein zu können. Sylvies Haus ist total verborgen im satten Grün der Vegetation, man sieht nur die Dachkonturen. Das bedeutet absolute privacy in der Natur, etwas für Naturliebhaber. Es ist so an den Hang gebaut, eingebettet in eine paradiesisch-schöne Pflanzen-, Strauch- und Baum-besetzte Gartenanlage, dass es nicht frei zugänglich ist und man sich nur telefonisch anmelden kann.


Bei Sylvie habe ich meine lieben Freunde Alex und Stefan kennen gelernt. Alex ist Architekt, Maler und Weltreisender, der auf Hispaniola genauso zuhause ist, wie in Indien, Polynesien, Madagaskar und Griechenland. Alex hat ein erfinderisch-technisches Händchen, alles, was er in die Finger nimmt, gestaltet sich wie von selbst. Gemeinsam mit Freund Stefan und Carlos haben sie nicht nur Sylvies Haus gebaut, sondern auch ein Nachbarhaus grosszügig gestaltet, das wie ein maurisches Märchenschloss aussieht. 

Zudem haben Alex und Stefan ein Segelschiff gebaut, aus Aluminium, das unverwüstlich ist
und mit dem Stefan anschliessend im Korallen-besetzten Pazifik unterwegs war. Bei Sylvie habe ich auch Carlos, einen Allrounder näher kennen gelernt. Carlos hatte nicht nur beim Bau des Hauses mitgewirkt, sondern auch den Garten gestaltet und nachher die Anlagen in Schuss gehalten. 
Die drei Monate, die ich in Sylvies Haus gewohnt habe, waren einfach traumhaft. Das Haus ist architektonisch und handwerklich unvergleichlich gebaut. Und die üppige Vegetation gibt ein Gefühl von paradiesischer Schönheit. Sylvies Haus ist einmalig schön gestaltet. Es vermittelt ein besonderes feeling. von exquisitem lifestyle für Menschen mit generöser Lebensentfaltung. Wer hier wohnt fühlt sich Eins mit Mutter Natur


.2 Mein Freund Alex

Mit Alex bin ich nun schon seit vielen Jahren befreundet. Er gehört zu den hard working people, ist ein echter selfmade man und liebt es über alles, extreme Sportarten zu betreiben. Ich fühle mich tief mit ihm verbunden. Alex hat oberhalb von La Ceiba ein eigenes Haus seit 2001 auf einer Loma, einem Bergesrücken mit weitem Blick über die Hügel hinweg auf das Meer. Alex gehört zu den Menschen, die sehr unternehmungs- und abenteurlustig sind. Es triggert ihn kolossal, sich stets auf Neues einzulassen. Er hat sich vollends den Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde gewidmet um in und mit diesen zu leben. 

Er ist viel auf Reisen und hat mehr als 130 Länder dieser Erde bereist, mit Auto, Segelboot, Motorrad oder zu Fuß. Er hat 7 Mal die Sahara mit dem Auto und LKW durchquert. Davon 2 Mal mit einem 4x4. Mit dem Motorrad fuhr er 1991 schon durch die Südsahara bis Südafrika und wieder zurück bis Senegal. Er ist mit dem Motorrad durch Indien, Afrika oder Europa gefahren. Er war zum Tiefseetauchen in Indonesien, beim Freeclimbing in Algerien, beim Segeln auf den Weltmeeren, beim Paragliding im Himalaya oder in Madagaskar oder in den Atacama-Bergen Chiles, beim Wingskaten in München oder beim Kiten auf Hispaniola. 




Mein lieber Freund Carlos hat mich die ganzen 14 Jahre auf der Insel mit Rat und Tat begleitet. Er ist
nicht nur handwerklich ausserordentlich begabt, er macht auch sämtliche Arbeiten in Haus und Garten, gestaltet die Natur-Hausumgebung und sorgt für Betrieb und Unterhalt der Hausanlagen, wenn die Besitzer nicht anwesend sind. Er hat beim Bau von Sylvies Haus mitgearbeitet und er hat mir geholfen, einen alten Bootssteg aus Beton an der Playa Bonita abzubauen, als ich dort  für die Schweizer Häuser die Verwaltung hatte.

Mit Freund Carlos verbindet mich eine tiefe Freundschaft, obschon er inzwischen in Chile wohnt und sich dort eine neue Existenz aufgebaut hat.

.3 Meine liebe Freundin Angela

Ebenfalls an der Playa begegnete ich oftmals Angela mit ihrer Hündin Lisa, die meinen Pedroli ganz fest ins Herz geschlossen hatte. Angela und ich waren uns herzlich freundschaftlich zugetan. Angela liebte es, allein an den kilometerlangen Stränden von Las Terrenas entlang zu spazieren und dem Leben an der Playa zuzuschauen. Unsere Hündlein spielten im Meer so schön mit einander, dass auch wir unsere Zeit gerne mit einander im Meer verbrachten. Angela lebte allein und ich begegnete ihr immer wieder per Zufall an der Playa.

 Darüber gefiel es ihr, sich mal hin und wieder einen Drink zu genehmigen oder auch zwei und des öfteren auch drei oder mehr. Sie hatte sicher ihren Kummer, den sie dann beim Gügeln ertränken musste. Angela war äusserst hilfsbereit. Sie hatte Freude daran, den Mitmenschen zu helfen, wo sie nur konnte. Ich trage noch heute einen silberfarbenen Pullover, den ich von ihr einmal geschenkt bekam. Dieser erinnert mich jedes Mal an sie, wenn ich ihn trage. Angela hat immer ein sehr zurückgezogenes Leben geführt. Sie war eher still und genügsam, stets freundschaftlich und mitfühlend, kurz, eine gute Freundin. Ich wünsche Angela an dieser Stelle alles Liebe, Gute und Schöne. Liebe Angela, ich denke noch oft an dich und an die vielen gemeinsamen Momente, die wir zusammen haben durften. Leb wohl, liebe Angela.

.4 Mein Freund Claudio

Mit meinem Freund Claudio verband mich eine besondere Freundschaft. Ich lernte ihn kennen, als er mit seinem Motorrad unmittelbar vor mir einen Unfall hatte. Der Verursacher hatte sich nach dem Unfall aus dem Staub gemacht und ich half Claudio beim Verarzten seiner Schrammen an Armen und Beinen. Claudio kam aus Deutschland und blieb stets nur einige Monate auf der Insel. Er liebte die Frauen noch mehr als sein Bierchen, das er täglich zumeist in der Mojito Bar am Palapa Beach zu sich nahm. Zudem trafen wir uns des öfteren in der Bodega Bar zum Tanzen. Claudio war ein echter Draufgänger und wohnte in der Wohnanlage von Pino de Austria an der Strasse zur Playa Bonita. Claudio war ein knallharter Brocken. Er war pensionierter Berufsoffizier mit Dienstgrad Unteroffizier und Ausbilder in der Bundeswehr. Das machte es vielen seiner Mitmenschen schwer, mit ihm umzugehen. Ich aber hatte keine Mühe damit, irgendwie hatte ich ihn gerne.

Auch war es immer ein besonderes Vergnügen, mit Claudio ein Bierchen in der Mojito Bar zu trinken. Ich bin ja eigentlich kein Bier-Trinker, aber ich hatte einfach Spass mit Claudio und konnte mich ungemein anregend mit ihm unterhalten und über interessante Themen plaudern. Man beachte bitte meine geschwollene Hand, das kommt von einer Chicunguña-Erkrankung infolge von Moskitostichen.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, es war eine Freundschaft aus früherer Zeit.

Unvergesslich ist mir mein Geburtstag 2013, den ich mit Claudio auf der Terrasse seines
Hauses in La Ceiba feierte. Er war ein leidenschaftlicher Modellbauer von Segelschiffen. Zunächst hielt ich das für ein Hobby von ihm. Später wurde mir klar, dass dies der tiefere Grund unserer Freundschaft war. Meine Visionen aus einer anderen Zeit bei der Besiedelung der Insel im 16.Jhrh. hatten mir gezeigt, dass ich seinerzeit schon mit Schiffsbauern verbunden war, die im Norden von Haiti im Gebiet der Stadt Cap Haitien Segelschiffe gebaut hatten. Claudio hatte, wie auch ich, eine starke Affinität zu Haitianerinnen, die auf eine frühere Zeit in einem anderen Leben gegründet war

Freund Claudio wr verheiratet mit ein haitianischen Frau und sie hatten ein Söhnchen, das er über die Massen liebte. Ich erinnere mich, als ich im Jahre 2011 noch gemeinsam mit Raymonde mit dem Versuch von Wiederaufbau der Häuser in La Saline beschäftigt war, und die Cholera in Haiti den Wiederaufbau beendete, blieb er stets nur wenige Monate in Las Terrenas. Während der Zeit seiner Abwesenheit blieb seine haitianische Frau in Las Terrenas zurück. Meine Aufgabe war es dann, ihn mit seinem inzwischen neuen Fahrzeug nach Puerto Plata zu bringen und ihn bei seiner Rückkehr wieder abzuholen. Dabei machte ich gerne Halt bei der Madonna im Strahlenkranz, dargestellt an einem Berg in der Nähe von Rio San Juan. Diese überlebensgrosse Figur ist der Madonna aus dem 12.Kapitel der Offenbarung des Johannes nachgebildet, mit der Sonne bekleidet, der Mond unter ihren Füssen, auf dem Haupt eine Krone mit 12 Sternen, die Mutter des Lebens.

Freund Claudio hatte ein schweres Schicksal, das er aber mit Fassung trug. Als ich ihn kennen lernte, war er ein fröhlicher Mensch. Er liebte es, mit Angela und mir im Meer zu baden, zum Tanzen in die Bodega Bar zu gehen und sich des Lebens zu freuen. Durch eine Operation musste der Darmausgang zum Bauchnabel hin verlegt werden, wodurch es ihm unmöglich war, im Meer zu baden. Fortan widmete er sich mehr seiner Familie, dem Modellbau und seinen Bierchen in der Mojito Bar am Palapa Beach, wo ich ihm hin und wieder Gesellschaft leistete



.5 Meine Freundschaft mit Raymonde

Meine Freundschaft mit Raymonde hatte das Potenzial, sich zu einer eigentlichen Bindung zu gestalten. Im besonderen durch ihr grossartiges Engagement in meiner haitianischen Erdbeben-Hilfsorganisation war sie mir ans Herz gewachsen. Und auch sie wäre gerne eine Bindung mit mir eingegangen. Dann kam ihre Liaison in Santo Domingo vom März 1912, durch die Susanna ins Leben gerufen wurde. In der Folge leitete sie die haitianische Wohngemeinschaft in Las Terrenas und war dort meine Stellvertreterin. Ich wohnte 2012 in Sosua, 2013 bei den Fischern in Las Terrenas und 2014 in Gernots Palmengarten. Ich blieb stets mit Raymonde freundschaftlich verbunden, während sie laufende Liaisons mit haitianischen Freunden hatte. Das führte im Jahre 2019 dazu, dass sie Zwillinge bekam mit einem haitianischen Freund, der in Florida wohnte. Vor die Wahl gestellt, ob sie in Las Terrenas oder in Florida wohnen solle, riet ich ihr, zu ihrem Freund nach Florida zu ziehen. So kamen die Zwillinge in Florida als Amerikaner zur Welt. Heute lebt Raymonde mit ihren Zwillingen bei ihrem Partner in Florida.

Ihre Kinder Steki, Chichi und Susanna leben mit Mama Madou und Bruder Alvin mit seiner
Partnerin Ingreed und Sohn Marco sowie Clifford, der Sohn des verstorbenen Bruders Jodny in der Wohngemeinschaft in Las Terrenas. 
Seit Raymonde in Florida wohnt, hat Alvin die Leitung der Wohngemeinschaft. Mama Madou ist die Seele der Gemeinschaft. Sie besorgt die Küche. Steki hat eine eigene Wohnung und eine Anstellung bei der Immobilien-Firma Federeal Estate.

Vrnl Ingreed, Susanna, Mama Madou, Alvin, Chichi und Marco


.6 Meine Beziehung mit Dominga

Im Jahre 2016 lernte ich Dominga kennen. Sie hatte vier schon erwachsene Kinder, war bereits mehrfache Oma und ihr Mann war durch einen Unfall verstorben. Sie verkaufte Früchte an einem Früchtestand und sie gefiel mir durch ihre fröhliche Art.

Ich wohnte damals in Pieters Haus beim Paseo direkt am Palmenwald, als ich ihr das erste Mal begegnete. Es gefiel ihr bei mir so gut, dass es nicht bei der einen Pinacolada und bei dem einen Mal bei mir blieb, sondern sie kam nun des öfteren zu mir.




013 Wieder zurück in Las Terrenas


Ich ging wieder zurück nach Las Terrenas, wo ich wieder bei den Fischern von Las Terrenas im Haus von Martha und Vidal wohnte. Es war ein klitzekleines 1-Zimmer Appartement, das ich mir gemütlich einrichtete. Ich muss noch nachtragen, dass ich mein Hündlein Pedroli, das während meiner Auszeit in Sosua bei der Familie von Raymonde war, jetzt wieder bei mir hatte. Und da es in meinem Appartement keinen Platz für ihn gab, bewachte er meine Haustür von seiner Schlafstelle auf der Gangway aus. Dafür konnte er mich jetzt immer begleiten, sowohl am Strand, als auch im Cafe Francais. Das gefiel ihm sehr, hatte er mich jetzt ganz allein für sich. Und er genoss besonders meine Streichel einheiten, so wie ich es genoss, regelmässig dort meinen Kaffee zu trinken..

Die Wohngemeinschaft befindet sich in einem Haus gegenüber der Farmacia NAYARIT. Dort gab es inzwischen einige Veränderungen. Adrien war bei einer Reise nach Haiti verstorben und Jodny, sein Sohn starb ebenfalls in Haiti. Dafür war dessen Sohn Clifford in der Wohngemeinschaft eingezogen. Raymonde hatte nach Steki und Chichi inzwischen ihr drittes Kind Susanna bekommen, ein süsser kleiner Fratz. Der Vater wohnt in Santo Domingo, kümmert sich aber garnicht um das Kind. Stecki, Clyfford und Chichi gingen jeden Tag zur Schule, d.h. ich hatte es übernommen, sie morgens mit meiner Pasola zur Schule zu bringen, denn es galt als gefährlich, Kinder allein zur Schule gehen zu lassen. Im übrigen passte Stecki gut auf ihre kleine Schwester auf.

Am Tor zum Schulhof liess ich die beiden Mädchen dann alleine gehen. Clyfford kam ja aus Port au Prince, wo kein spanisch, sondern französisch gesprochen wird. Er ging auf eine andere Schule für haitianische Kinder, wo zusätzlich spanisch gelehrt wurde.

Mama Madou geht jeden Sonntag in die Kirche. Und dann zieht sie nicht nur sich selbst, sondern auch die Kinder besonders schön an.

Mama Madou gehört der Baptisten-Kirche an, also geht sie auch in eine Baptistenkirche in Las Terrenas. Und die beiden Kinder sehen ja auch sehr herzig aus in ihren luftigen Kleidchen.

Auf dem 19.Breitengrad, wo immer Sommer ist, da herrscht Lebensfreude pur, so auch in der Dominikanischen Republik. Die Menschen lieben es, abends erst richtig wach zu werden, draussen zu sitzen, Musik zu machen, zu singen und das Dasein mit Cuba Libre, Mojito oder Caipirinha zu feiern. Ich bin gerne so gegen 23 Uhr mit Raymonde in die Bodega Bar zum Tanzen gegangen. Es war für uns beide sehr inspirierend. Hier war immer eine ganz spezielle Stimmung. 

Mittlerweile kannte man sich und freute sich, einander wieder begrüssen zu können. Die Lieder, die gespielt wurden, waren eigentlich meistens die gleichen, aber das störte niemanden. Ich tanzte gerne alleine und bin dann auf sie zu getanzt, und habe sie zum Tanzen herausgefordert. Sie sass jedoch am liebsten an der Bar und trank ihren Caipirinha. So verging das Jahr 2013 mit Musik, Gesang und Tanz und natürlich mit dem Leben an der Playa Punta Popi.


Bei Gernot im Palmengarten

Ich hatte Gernot Engel im 2009 kennen gelernt, als Bernd Appel in Gernots Palmengarten wohnte und wir ein Projekt mit einander besprachen, den Las Terrenas Travel Club. Der war als Kontakt-Plattform für Samana-Reisende gedacht, wurde aber nicht realisiert, warum auch immer.

Ich traf Gernot ab und zu im Café Francais und er bot mir das kleine Haus in seinem Palmengarten als Wohndomizil an, was ich gerne annahm. Das Häuschen hatte mir sofort gefallen, ein Einzimmer-Haus mit einfacher, aber zweckmässiger Einrichtung. Es war alles da, was man brauchte. Auf der gedeckten Veranda richtete ich mir eine Tagesliege mit Moskitonetz ein, Da konnte ich auch mal draussen schlafen, wenn es drinnen zu heiss wurde. Es war ein sehr praktisches Refugium und etwas ganz besonderes, in solch einem wunderschönen Palmengarten wohnen zu können, bewacht von zwei grossen Hunden.

Gernot und ich verstanden uns gut. Er kam auch aus Münster und so hatten wir sofort einen guten Anknüpfungspunkt für unsere Gespräche. Er war Architekt und Baumeister, was man seinem eigenen Wohnhaus auch ansehen konnte, eine weitläufige moderne offene Wohnanlage, in die Palmenumgebung hinein gebaut. Der Palmengarten war unglaublich schön, die grossen Palmen ragten hoch in den Himmel und vermittelten den Eindruck von majestätisch-elementarer Schönheit. Gernot hatte in seinem Palmengarten zwei Papageien.Pärchen, die in einem grossen Freigehege fliegen konnten und nicht nur schön aussahen, sondern sich auch laut bemerkbar machten. Ich habe nicht herausgefunden, ob das ihre Unterhaltung war, ob sie Hunger hatten oder ob sie nur mitteilen wollten, dass es sie auch noch gab. 

Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist die Kommunikation im Internet. Die nur
minimalistische digitale Infrastruktur war die einzige Schwachstelle an und in diesem einzigartigen Refugium. 
Es war eine wunderbare, aber nur kurze Zeit in Gernots Palmengarten. Ich habe diese Zeit sehr geniessen können. Aber das nur unzureichende Internet und, das musste ich leidvoll feststellen, die Moskitoplage war auf die Dauer nicht erträglich. Das Häuschen hatte eine sagenhaft gemütliche Terrasse. Im Moskitonetz ein Mittagsschläfchen unter dem Palmendach und inmitten von exotisch-schönen Prachtsblumen zu halten, war ein ganz einmaliges Erlebnis, und ich hatte das jeden Tag, begleitet von den vorlauten Unterhaltungen der Papageien.

Aber nur faulenzen und im Internet herumhängen, das war nicht mein Ding. Ich schaute täglich nach meiner haitianischen Wohngemeinschaft. Das waren eigentlich nur Mama Madou, Raymonde, Alvin, die Kinder und Pedroli, den ich wegen der Doggen bei der Familie lassen musste. Jodny, Adrien und Pastor Joseph waren gestorben und Dra. Junette lebte in Port au Prince. Und dann war da neu die kleine Susanna, ein ganz herziges kleines süsses Geschöpflein.



Montag, 31. August 2026

012 Mein time out in Sosua


Auch an mir waren die Strapazen mit der Haiti-Hilfe nicht spurlos vorüber gegangen. Meine Dengue-Erkrankung hatte ich inzwischen besiegt, doch der burn out von 2005 war inzwischen wieder akut geworden. Also nahm ich Ende 2011 einen time out in Sosua.

Das ungezwungene Leben in Sosua gefiel mir. Meine liebe Freundin Margrit in der Schweiz half mir finanziell und so konnte ich an der Playa von Sosua ein kleines Restaurant mieten und erst einmal die Seele baumeln lassen. Dort hatte ich meinen inneren Frieden im Schatten grosser schattenspendender Bäume und meine Mahlzeiten im eigenen Restaurant. Das Restaurant gehörte vorher Maricela, die es mir voll eingerichtet und ohne Unterbruch funktionierend mitsamt Carlos dem Koch und Cilly der Kellnerin gegen Bezahlung einer Abstandssumme überliess. 

An der Playa von Sosua steht ja ein Hüttlein am anderen, in meiner Hütte gab es nur die Küche mit
Gefriertruhe, ein gekühlter Getränkeschrank, eine Theke und einen Tisch mit 2 Stühlen, der Rest war draussen im Schatten der Bäume.

Die Anlage fühlte sich an wie eine Wohlfühl-Oase. Das Leben an der Playa von Sosua wird vor allem bestimmt von deutschsprachigen Residenten und dominikanischem und haitianischem Service-Personal.

Cilly mit Maricela, der vormaligen Beditzerin

Ich vereinbarte mit Cilly, dass sie alle Arbeiten zur Leitung des Restaurantbetriebes gegen Beteiligung am Umsatz abwickelte. Jeder Konsum im Restaurant wurde mit nummerierter Rechnung bezahlt und das Doppel blieb im Rechnungsbüchlein bei mir. Aus dem Erlös wurden die Einkäufe getätigt, sowie die Miet-, Betriebs- und Personalkosten beglichen.

Carlos war der Chef de cuisine. Zudem war er für den gesamten Einkauf und den Menuplan zuständig. Seine Spezialität war fritierter Fisch mit Reis und frittierte Bananen

Und der Hajo machte es sich auf der Liege an der Playa gemütlich.

Cilly hatte eine Tochter, Chichulina, ein herziges kleines Persönchen, die mich sofort als ihren Papi
adoptierte. Sie verstand es, alle Menschen um den Finger zu wickeln mit ihrem angeborenen Charme. Ihr Vater war ein Holländer, der eine zeitlang mit Cilly zusammen war, aber dann nach Holland heimgekehrt ist. Chichulinas Freund war der kleine 4-jährige Mario, der es liebte, füdliblud herum zu laufen. Und dann gab es den Christopher (7), der täglich zur Schule nach Sosua herein ging, er war der Sohn eines anderen Restaurant-Besitzers.

Sosua war zur Hitlerzeit dadurch bekannt geworden, dass der Präsident Trujillo einen Deal mit Leuten im Hitler-Regime hatte, wonach er gegen Bezahlung jüdische Menschen aus Deutschland aufnahm. Das hatte zur Folge, dass in Sosua eine grossartige Landwirtschaft mit Molkereibetrieben und entsprechenden Produkten entstand. Die hervorragende Milch-, Butter-, Käse- und andere Molkereiprodukte sind noch heute unter dem Namen Sosua in der gesamten Dominikanischen Republik erhältlich. 



Wie mein time out in Sosua endete

Am Restaurant waren einige Unterhaltsarbeiten erforderlich. Die Gefriertruhe kühlte nicht mehr richtig und sollte einen neuen Motor bekommen. Mein Küchenchef Carlos hatte schon seit einiger Zeit Bemerkungen gemacht, dass der Gasofen renoviert werden müsse und schon im Sommer hatte ich bemerkt, dass der Abwasserkanal immer wieder verstopfte, weil das Kanalisationsgefälle zu gering war. Da kam ja einiges auf mich zu.

Und dann erhielt ich plötzlich eine Vorladung zum Friedensrichter nach Puerto Plata. Ich fragte meine Chefin der Service Cilly und sie sagte mir zu meiner grossen Überraschung, dass sie eine Rechsanwältin beauftragt habe zu prüfen, wem das Restaurant gehöre, mir oder ihr. Ich wies auf meine Quittung hin über den Kaufbetrag, den ich an Maricela bezahlt hatte. Ja, sagte sie, das stimme schon, aber das sei nur das Inventar, das Haus gehöre der Playa-Verwaltung, was mir anderseits auch nicht neu war.

Wir gingen also zum Friedensrichter, wo auch die Rechtsanwältin anwesend war und diese präsentierte einen Vertrag, den Cilly hinter meinem Rücken mit der Verwaltung gemacht hatte, in dem stand, dass sie die Eigentümerin des Inventars sei. Ich präsentierte meine Kaufquittung, worauf mir der Friedensrichter sagte, diese habe keine Gültigkeit, aber Cillys Vertrag, der sei gültig. Wenn ich das nicht akzeptieren wolle, dann solle ich den Vertrag gerichtlich anfechten. Damit war die Verhandlung beendet. Ich stellte Cilly zur Rede, doch sie sagte mir, das sei eben so in der Dom.Rep.

Jetzt war guter Rat teuer, aber teurer Rat ist dort meistens nicht gut, vor allem für Ausländer. Ich machte mit Freunden eine überschlägliche Kostenrechnung und musste mir sagen, dass die entstehenden Kosten höher werden könnten, als die Ablösesumme, die ich an Maricela, der Vor-Eigentümerin bezahlte. Also war die Frage, Recht gerichtlich durchsetzen mit zweifelhaftem Ausgang oder gute Miene zum bösen Spiel machen und akzeptieren, dass ich reingelegt worden war. Die Antwort kann man sich denken.

Ich hatte eine wundervolle Zeit an der Playa von Sosua, an die ich noch gerne zurückdenke, und ich hatte auch einigen Menschen viel Freude und Spass bereitet, vor allem den Kindern. Ob Cilly mit ihrem ergaunerten Besitz glücklich geworden ist, weiss ich nicht. Trotzdem wünsche ich ihr viel Glück, vor allem der herzigen kleinen Chichulina.


Sonntag, 30. August 2026

011 Meine haitianische Wohngemeinschaft in Las Terrenas

Das Jahr 2011 war durch die Cholera-Epidemie eine sehr schwierige Zeit, nicht nur für mich, auch für alle, mit denen ich durch meine Haitihilfe verbunden war. In La Saline lief die Suppenküche anfänglich noch weiter, so lange noch Hilfsgelder flossen, musste dann aber wegen fehlender finanzieller Mittel eingestellt werden, nachdem auch Jodny einen Herzinfarkt erlitten hatte und plötzlich verstarb. Die Menschen in Haiti fühlten sich komplett allein und verlassen, mein finanzieller Nachschub versiegte und direkte Kontakte nach Haiti waren nicht mehr möglich. Ich nahm zuerst Mama Madou, dann auch Darlin, Adrien und Alvin zu mir nach Las Terrenas. Da der Platz in meiner Wohnung am Palapa Beach zu klein war für eine dauerhafte Lösung des Wohnproblems, konnte eine Wohnung in einem zweigeschossigen Haus gegenüber der Farmacia NAYARIT gemietet werden. Ich übergab die Verantwortung hierfür an Raymonde, weil ich selber am Palapa Beach wohnen wollte.


Raymonde suchte eine neue Herausforderung

Gleichzeitig nahm Raymonde ihren Kleiderverkauf in einem kleinen Laden unweit der Banco Banreservas wieder auf. 
Das führte zu einer Eigendynamik. Während ich mich am Palapa Beach von den Ereignissen um die Erdbebenhilfe in Haiti erholen wollte, konnte die Wohngemeinschaft sich in Las Terrenas neu eingewöhnen. Raymonde kümmerte sich um ihren Kleiderladen, aber ihre Kontakte zu den Menschen in Haiti liefen vollkommen ohne mich weiter. In ihrem Kleiderladen verkaufte sie schmucke haitianische Kleidchen und hatte auf Anhieb grossen Erfolg. Der Erfolg ermunterte sie, ihre Kontakte nach Haiti zu intensivieren. 
Aber ihre Reisen gingen nicht nach La Saline, sondern nach Cap Haitien und zu der Ortschaft St.Michel am Atlantik, praktisch gegenüber der Insel Tortuga. Dort hatte ihre Familie immer noch Land und ein grosses Haus, das aber von fremden Leuten bewohnt war. Das Haus war schon lange in Familienbesitz und sie wollte das Haus zurück haben.

Jetzt erinnerte ich mich, dass sie mir berichtet hatte, ihre Familie Jean Baptiste sei aus dem
Norden von Haiti unweit der Stadt Cap Haitien nach La Saline in den Bereich der Hauptstadt Port au Prince gezogen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Offensichtlich hatte sie im Zusammenhang mit unseren Reisen nach La Saline alte Kontakte neu knüpfen können. 
Das berührte mich sehr eigenartig, konnte ich mich doch des Eindrucks nicht erwehren, als ob ich in früheren Zeiten schon einmal auf dieser Insel gewesen sei. Und mein Zusammentreffen mit Raymonde sei eine Reminiszenz an diese Zeiten. Ich verspürte plötzlich, dass ich Abstand gewinnn müsse und nahm einen time out nach Sosua.

010 Dank an die fundraising-Spender

Ich möchte allen Hilfsprojekt-Unterstützern recht herzlich danken, die mein Erste Hilfe-Projekt La Saline in Haiti mit Rat und Tat so trefflich unterstützt haben. Besonders herzlichen Dank an die Familiensiftung Mano und einen lieben Gruss an die Projekt-Unterstützer Klasse 5r von Barbara Ott in Schneverdingen und an ihre Kollegin Birgit Tobias mit der Klasse 6b. Die Schülerinnen und Schüler von Birgit haben eine Woche lang ganz viele Aktionen gemacht und Geld gesammelt. Sie haben Popkorn, Kuchen und Brezel gebacken und in der eingerichteten Cafeteria verkauft. Danke, Ihr seid echte Fundraiser.

Rita Hirt, Begleiterin der Ersten Stunde nach dem Erdbeben vom 12. Januar 2010, hat von der Schweiz aus die Hilfsfahrten unserer La Saline Gruppe begleitet. Familienstiftung Mano in der Schweiz hat die Erste-Hilfe-Einsätze unserer Hilfsgruppe ins Leben gerufen und damit erst ermöglicht. Der Aufbau dieser Einsatzgruppe, die Hilfsfahrten von Las Terrenas nach Haiti und die aktive Hilfe vor Ort waren und sind Bestandteil unseres Hilfsprogrammes gewesen.

Margrit Werwinski und Ursi Trüb waren regelmässige Unterstützerinnen unserer La Saline Aktionen. Sie begleiteten die Einsätze unserer Gruppe aus der Ferne. Claudio Vosswinkel aus Solingen, hat einen Beitrag für den Fond zum Wiederaufbau geleistet. Monika Vosswinkel aus Düsseldorf hat eine Wasser-Zisterne gestiftet. David Amrein von der Dr. Clark Research, war Unterstützer des Hilfsprojektes Suppenküche und hat massgeblich am Kampf gegen die Cholera in La Saline mitgewirkt

Christiane Köhn von der Escuelita de Christiane in Las Terrenas hat mit einer Frauengruppe und der Club Suizo haben den Betrieb der Suppenküche unterstützt. Dr. Colmar Serra von ECOTOPIA Las Terrenas war Unterstützer im Kampf gegen die Cholera. Malgorzata Kern aus Freiburg war Unterstützerin, Mitstreiterin und Patin für die Roseline-Kinder in La Saline. Heike aus Freiburg war Patin für die Roseline-Kinder in La Saline. Maryam und Martin Diener aus Zürich, waren Patenschafts-Unterstützer für die Roseline-Kinder in La Saline. Srilankahilfe Elgg unterstützte unseren Kampf gegen die Cholera. Dank auch an Lovey Wigmann und an Christine und Urs aus der Schweiz, die einen Beitrag an unsere Haiti-Hilfe geleistet haben.

009 Die Cholera beendet unser Hilfsprojekt

Im Oktober 2010 trat die Cholera in Haiti auf. Angehörige der UN-Schutztruppe, die am Oberlauf des Artibonite-Flusses stationiert waren, hatten sie aus Nepal eingeschleppt. Am Unterlauf des Flusses erkrankten die haitianischen Einwohner zuerst. Und von dort aus verbreitete sich die Seuche ganz schnell über das ganze Land. In La Saline hatten wir inzwischen die neue Wasser-Zisterne in Betrieb genommen, hatten also sauberes Wasser, das regelmässig aufgefüllt wurde. Schon am Anfang war die Infektions- und Sterberate ungewöhnlich hoch. Es infizierten sich innerhalb eines Monats 11000 Menschen, von denen etwa 800 verstarben. Erkrankte Menschen müssen wir den Ärzten überlassen. Auch die schlechten hygienischen Bedingungen können wir nicht schnell genug verbessern. Das absolut Schlimme hier in La Saline ist, dass die meisten für sich kochen, essen und trinken, mit Wasser und Esswaren, die wegen fehlender Geldmittel und grässlicher Hygiene grottenschlecht und bakterienverseucht sind. Was wir tun können ist, wir versorgen die Suppenküche ganz zentral mit sauberem Wasser und gut gereinigtem Gemüse für die Essensmahlzeiten. Wir müssen auf die Suche gehen, hygienisch (möglichst) einwandfreie Lebensmittel zu bekommen und dafür sorgen, dass die Essensbedingungen möglichst optimal sind. Es ist kein Restaurantbetrieb, sondern eine offene Essensausgabe. Was wir verbessern müssen ist, jeder bekommt ein neues Essensgebinde, um Vorverseuchung zu verhindern. Vorverseuchte Essensgefässe können schon Krankheitsauslöser sein.

Mama Madou rief immer wieder aus La Saline an und schilderte laufend, wie schlimm die Entwicklung war. Die Epidemie griff um sich und wie Mama Madou am 19.November mitteilte, hatten sie die ersten Todesfälle auch hier in La Saline. Was in dieser Situation erforderlich war, waren Cholera-Medikamente. Doctora Junette rief an und bat mich, Cholera-Tabletten aus Las Terrenas zu besorgen, denn sie waren schnell in Haiti verbraucht. Sofort konnte ich 2000 Tabletten organisieren und mit einem Boten nach Haiti senden.


Die Lage wurde immer prekärer in Haiti.
Wegen ihres angekratzten Gesundheitszustandes haben wir Mama Madou, die Mutter von Raymonde, im März 2011 zu uns nach Las Terrenas genommen. Sie hätte eine Ansteckung mit dem Cholera-Bazillus nur schwerlich überstanden.


Auswirkungen der Cholera-Epidemie

Am 21. Oktober 2010 wurde der Ausbruch der Cholera offiziell durch die haitianischen Gesundheitsbehörden bestätigt. Bis zum 17. Dezember 2010 wurden insgesamt 121.518 Cholera-Erkrankungen, 63.711 Krankenhausaufnahmen und 2.591 Todesfälle registriert. Epidemiologen gehen mehrheitlich davon aus, dass die Cholera durch nepalesische UN-Soldaten ins Land eingeschleppt wurde. Am 17. August 2016 räumten Vertreter der Vereinten Nationen erstmals eine Verantwortung für den Ausbruch der Cholera offiziell ein.


Die Cholera hat die ohnehin mühsamen Wiederaufbau maßnahmen nach dem Erdbeben verzögert und macht noch immer viele weitere organisierte Hilfsmaßnahmen erforderlich. Die enorme Dimension an nötigen Hilfsmaßnahmen wie zum Beispiel einem umfassenden Aufbau von Sanitärsystemen kann von den Hilfsorganisationen nicht übernommen werden, hier steht vor allem die Regierung des Landes in der Pflicht. Die Zusage der internationalen Gemeinschaft von elf Milliarden US Dollar für den Wiederaufbau der Erdbebenregion ist – noch immer – verbindlich, deren Ausschüttung an den Staat wird jedoch von einem „Masterplan“ abhängig gemacht. Informationen aus Wikipedia.

Die Auswirkungen der Cholera-Epidemie für mein Hilfsprojekt

Je länger das Erdbeben zurücklag, umso geringer war die öffentliche Aufmerksamkeit und auch die finanzielle Unterstützung. Als dann die Cholera-Epidemie im Oktober 2010 ausbrach, wurde die Lage für meine helping hands immer schwieriger. Die finanziellen Mittel waren aufgebraucht. Meine Mitarbeiter in Haiti gingen wieder ihren persönlichen Aktivitäten nach. Für Mama Madou, Adrien und Alvin wurde die Situation in Haiti im Laufe des Jahres 2011 unhaltbar. Eine persönliche Hilfe war nicht mehr umsetzbar. Als ich auch noch an Dengue erkrankte, und ins Spital von LasTerrenas musste, kam mein persönliches Engagement zum Erliegen.

Das Kinder-Hilfsprojekt hatte ich mit Hilfe von Rita Hirt an die Baptisten-Gemeinde abgegeben. Aber von dort kam keine Hilfe. Rita Hirt meldete sich nicht mehr. Auch meine Anfrage an die Familienstiftung blieb unbeantwortet. 

Im März 2011 nahm ich zunächst Mama Madou zu mir nach Las Terrenas und hernach kamen auch Papa Adrien und sein Sohn Alvin. Und damit endete mein Erste Hilfe-Einsatz in Haiti. Die Finanzierung meiner Wohngemeinschaft, die ich jetzt bei mir eingerichtet hatte, lag bei mir. Ich hatte die Mitarbeiter rekrutiert und meine Sorge galt jetzt ihnen.

008 Das Kinderdorf von Pastor Joseph

 

Ich war eigentlich glücklich, dass das Hilfsprojekt, das ich so Knall auf Fall angenommen hatte, so rasch in die Gänge gekommen war. Aber was fehlte, das war eine Ordnung im Chaos. Das Geld rinnt einem wie Wasser durch die Finger. An Finanzplanung ist nicht zu denken. Die Erfordernisse sind überdimensional und Zeit ist keine vorhanden. Die mausarmen Menschen in La Saline sind wie ein trockener saugender Schwamm.

Am meisten Sorgen machten mir die Kinder im Steingarten von Pastor Joseph. Meine Kontakte mit Rita in der Schweiz waren nicht eigentlich zufriedenstellend. Ich hatte wenig Zeit, hinzu kam die 5-stündige Zeitverschiebung Wenigstens konnte ich das Problem mit den Waisenkindern von Pastor Joseph mit ihr besprechen. Wir vereinbarten, dass Pastor Joseph unterscheiden sollte zwischen den 10 Vollwaisen, die ein Zuhause brauchten und den übrigen, die nur am Tage beaufsichtigt und beköstigt werden mussten. Für die Vollwaisen brauchte es Pflegefamilien und für alle brauchte es eine Lehrperson und eine Beaufsichtigung in Pastor Josephs Steingarten. Die Schulanforderungen mussten geklärt werden. Alles lag in den Händen von Pastor Joseph, der aber auch noch vom Erdbeben verletzt war. Ich gab das an Raymonde weiter, die das mit Pastor Joseph klären sollte.

Ich musste erstmal die Finanzen in den Griff bekommen. Die Summe, die mir die Familienstiftung übergeben hatte, würde nicht weit reichen, das war mir bald klar. Ich musste weitere Mittel generieren. Ich machte mehrere Aufrufe im Internet und bekam gute Resonanz. Das stimmte mich wieder hoffnungsvoller. Ein Riesenproblem bestand darin, dass viele Menschen unter unwürdigen Bedingungen auf der Strasse lebten.

Viele Menschen im Stadtkern sind unter Tonnen von Beton und Stahl eingeklemmt gestorben
und liegen solange in ihren Betongräbern, bis der Schutt weggeräumt wird. Die Davongekommenen haben sich auf freie Plätze geflüchtet, die meisten davon mit mehr oder weniger starken Verletzungen. Soweit diese nicht in Spitäler und Notkliniken behandelt werden konnten, sind sie in der Stadt geblieben und liegen nun dort, nur spärlich gegen Sonne und Regen geschützt.

Auf der Plaza Sta. Anna neben der gleichnamigen eingestürzten Kirche biwakierten seit dem Erdbeben eine Vielzahl obdachloser, teils verletzter Menschen, als einzige Bleibe, nachdem ihre Wohnungen zerstört wurden. Zur zweiten und dritten Hilfsfahrt hatte mir die Ärztin Listen mit Medikamenten mitgegeben, die ich ihr dann mitbringen sollte.

Mehr als zweihunderttausend Menschen sind beim Erdbeben in Port au Prince ums Leben gekommen. Viele Kinder haben ihre Eltern oder mindestens ein Elternteil verloren. Ihr Leben hat sich dadurch radikal verändert. Sie haben ihre familiären Wohnbedingungen verloren und sind eigentlich heimatlos geworden. Mein Stellvertreter Jodny wohnte in einem Zelt auf der Plaza Santa Anna, während seine Frau und seine drei Kinder gleich nebenan in einem noch teilweise bewohnbaren Haus lebten. 

Doctora Junette hatte sich bei meiner ersten Hilfsfahrt vom 16.-19. Januar spontan bereiterklärt, mit den medizinischen Mitteln, die ich in drei Kisten mitgebracht hatte, eine Sofortversorgung auf der Plaza Santa Anna und im Stadtteil La Saline vorzunehmen

Sie ging von Patient zu Patient und versorgte die Wunden. Hier versorgt sie eine Wunde am Kopf, dort versorgt sie die Wunden am Bein und bespricht das weitere Vorgehen mit Raymonde auf creolisch

Abends legten sich die Menschen im Slum La Saline nicht in ihren Häusern, sondern auf der Plaza Jeremie zum Schlafen auf die Erde, aus Angst vor neuen Erdbeben.

. . . und Madame Vousèle spricht das Abendgebet unter dem Dach der von mir mitgebrachten blauen Planen.











007 Hilfsgruppenarbeit in La Saline

Ich hatte ja ein Allrad-Fahrzeug glücklicherweise von Freund Andy ausleihen können. Andy hatte noch schnell einen Check am Fahrzeug vorgenommen und dann ging es am nächsten Morgen in der Frühe wieder nach Port au Prince. Als wir in La Saline ankamen, wurden wir schon sehnsüchtig erwartet. Doctora Junette übernahm die mitgebrachten Medikamente, Mama Madou war sehr zufrieden mit dem Nachschub an Lebensmitteln, Adrien staunte über die grossen Planen für den Sonnen- und Regenschutz und den neuen Stromgenerator. Und Pastor Joseph wartete auf mich, um mit mir das weitere Vorgehen bei seinem Kinderdorf zu besprechen.

Die mitgebrachten Hilfsgüter wurden sehnlich erwartet. Die Suppenküche war schon in Betrieb. Wünsche nach weiteren Hilfssendungen wurden schon wieder gestellt. Immer mehr Menschen nahmen an der Suppenausgabe teil. Waren es zunächst etwa 50, so sind es bald bereits100 und in wenigen Tagen werden es noch mehr sein.

Es war mein Anliegen, die Eigenversorgung der Gemeinschaft in den Mittelpunkt zu stellen, und damit die Abhängigkeit von Hilfslieferungen so weit als möglich wieder zurückzufahren und damit die Nachhaltigkeit der Hilfe zu stärken. Wie ist das möglich?

Es gibt wieder einen Gemüsemarkt, etwa 1 km entfernt. Dieser Markt wird uns das Gemüse
liefern. Die Gemüseproduzenten sind ja auch auf ihren Erwerb angewiesen. Die Suppenküche war die zentrale Begegnungs- und Arbeitsstätte. Für die Küche wurde von Mama Madou und Mme.Vousèle eine haitianische Feuerstelle für Holzkohle installiert. Man feuert halt immer noch mit Holzkohle, Gas müsste teuer importiert werden. Es gibt zwar Öl- und Gasvorkommen in Haiti, aber keine Öl- und Gasgewinnung. Ein von Präsident Aristide vor 30 Jahren durch Bohraufschlüsse ermitteltes Weisbuch, wird seither unter Verschluss gehalten. Öl- und Gasbohrungen gibt es nicht.

Mme Vousèle gibt hier ihre feine Aujama-Suppe aus. Und von Mama Madou gibt es Reis mit Fleisch und Gemüse. Mama Madou hatte noch einen Stab von Helferinnen und Helfern, die im Hintergrund arbeiteten und nicht in Erscheinung traten. Zu ihnen gehörten auch Adrien und Basbah. Brot liefert eine Boulangerie, die nach wie vor in La Saline arbeitet. Wasser musste teuer in Gallonen zugekauft werden. Ein fehlender Wassertank wurde in einem späteren Zeitpunkt von Monika Vosswinkel gespendet.

Ich war ja ganz erstaunt darüber, dass alles so reibungslos schnell organisiert und so unkompliziert rasch zum Funktionieren gebracht werden konnte. Ich fragte Raymonde danach, worauf sie lächelte und mir den Zusammenhang so erklärte. In La Saline gibt es zwei grosse Familien, die Joseph und Jeanbaptiste heissen. Ausser diesen gibt es nur kleinere Familien. Fast alle Helferinnen und Helfer sind aus Familie Jeanbaptiste, in der jeder jeden kennt. Nur Pastor Samson Joseph kommt aus der anderen Familie.

Das Abwasser war in ganz La Saline ein grosses Problem, es floss einfach in einem Rinnsal durch die Strassen. Um Krankheiten zu vermeiden, wurde Chlor zugefügt. Allerdings besteht der Untergrund aus sehr offenporigem Lavagestein und es gab einen ständigen Austausch mit dem nahen Meer. So war das besagte Rinnsal örtlich durch eine Sickergrube mit dem unterirdischen Wasserfluss verbunden und kann so versickern. Adrien und Basbah hatten es übernommen, als erstes die Plaza Jeremie mit einem Dach als Schutz gegen Sonne und Regen zu überspannen, weil man nachts draussen schlief, aus Angst vor Nachbeben. Ich hatte in weiser Voraussicht genügend Plastikplanen und Seile mitgebracht. um ein Tragnetz für die Plastikplanen zu spannen. Wir blieben noch eine Weile in La Saline und fuhren dann wieder heim im Bewusstsein, dass sich jetzt erst mal alles bewähren sollte. Jodny, der Bruder von Raymonde, leitete in meiner Abwesenheit die Hilfsgruppe, konnte aber jederzeit mit mir telefonieren.



Vierte Hilfsfahrt nach Port au Prince


Der Abschied





006 Organisation der Hilfsgruppe vor Ort

 

Am frühen Morgen machte Raymonde mich mit ihrer Mutter Mama Madou, ihrem Vater Adrien, dessen Bruder Basmat, ihrem Bruder Jodny, Doctora Junette und Pastor Samson Joseph bekannt. Es war wie ein Wunder, Mama Madou hatte alle zusammengetrommelt, Doctora Junette war bereit, die Erste Hilfe-Arbeit zu übernehmen, Mama Madou hatte vor dem Erdbeben ein kleines Bistro gehabt und konnte selbst die Suppenküche mit Madame Vousèle übernehmen, Pastor Samson Joseph war ja bereits dabei, obdachlose Kinder aufzunehmen, und Jodny, der vor dem Erdbeben Angestellter im Transport-Ministerium von Haiti war, wurde nun mein Stellvertreter. Zu erwähnen ist noch, dass Jodny von seiner Arbeit einen Pick up besass, aber jetzt arbeitslos war, weil das Bürogebäude, in dem sein Office war, beim Erdbeben einstürzte und seine Arbeit jetzt von MINUSTAH, einer UN-Militär-Organisation ausgeführt wurde. Raymonde war selbstverständlich meine Koordinatorin, weil sie nicht nur spanisch und französisch, sondern auch creolisch sprach, was hier allgemein gesprochen wird. Bruder Alvin sollte als Mitarbeiter dabei sein.



Vlnr Raymonde, Jodny, Mama Madou, Pastor Joseph, Dra.Junette, Adrien und Alvin

Es war ganz unbeschreiblich, wie schnell sich die Hilfsgruppe zusammengefunden hatte. Und alles waren Menschen, die sofort anpacken wollten, Erste Hilfe leisten, eine zentrale Suppenküche aufmachen, mithelfen und Nachschub organisieren wollten. Ich gab jedem Einzelnen seinen persönlichen Auftrag und bestimmte Jodny als meinen Stellvertreter vor Ort.

Ich konnte noch kurz einen Blick auf die Plaza Santa Anna nehmen, wo Doctora Junette Erste Hilfe leisten wollte. Sie hatte mir noch aufgetragen, Anästhesiemittel zu besorgen, weil die Krankenstationen so viele Operationen durchführen mussten, dass keine solchen mehr vorhanden waren.

So verging der Tag und am Abend waren Raymonde und ich schon wieder unterwegs, zurück nach Las Terrenas. Es wurde Nacht, als wir in Barahona ankamen und wieder im gleichen Hotel noch einen Schlafplatz fanden. Und schon recht früh am anderen Morgen waren wir wieder unterwegs und erreichten Las Terrenas am Mittag, wo ich in allen Apotheken sämtliche Anästhesiemittel einkaufte, die zu haben waren. Im Baumarkt kaufte ich etwa 10 grosse und kleine Plastikplanen für das Überspannen von Strassen und Plätzen und einen Stromgenerator.



Samstag, 29. August 2026

005 Das grosse Erdbeben in Haiti

Unmittelbar vor Weihnachten 2009 lernte ich Raymonde, eine junge Haitianerin mit ihren zwei Kindern Steki und Chichi kennen. Sie waren mausarm und kurz vorher aus Port au Prince im nahen Haiti nach Las Terrenas gekommen. Wie freundeten uns an und schon bald zog sie in mein Häuschen am Palapa Beach ein. Nur wenige Wochen später, am 12. Januar 2010, geschah das grosse Erdbeben.

Es war der 12. Januar 2010, am frühen Abend so gegen halb Sechs. Ich sitze am Tisch und klimpere auf der Tastatur meines PC, da wackelt die Erde unter mir. Raymonde sitzt mir gegenüber und schaut mich an, `ein Erdbeben`.

Wir schalteten das Fernsehen an und warteten auf die Nachrichten. Dann kam die Meldung, `Starkes Erdbeben in Haiti, Epizentrum ist die Hauptstadt Port au Prince`. Raymonde kommt aus Port au Prince und ruft sofort ihre Mutter Madou an, keine Antwort. Sie ruft ihren Bruder Jodny an, keine Antwort, Sie ruft ihren zweiten Bruder Alvin an, ebenfalls keine Antwort. Sie ist schwer beunruhigt. In den nächsten Nachrichten wird gemeldet, die Stadt Port au Prince liegt in Schutt und Asche. Bange Stunden vergehen. Am nächsten Tag gibt es weitere Meldungen, es sind viele Menschen beim Einsturz der Gebäude gestorben, noch mehr sind verletzt. Wir fragen uns, was können wir tun?. Port au Prince ist 600 km von uns entfernt und die ganze Insel hat gebebt.

Ich nutze die Zeit und orientiere mich über frühere Erdbeben. Ja, da gibt es viele auf der Insel. Es gibt auch mehrere Erdbebenkarten, wo und wann schon mal die Erde gebebt hat. Es gibt sogenannte Tektonische Verschiebungen, grosse Erdkrusten-Platten schieben sich über einander, an einander vorbei, gegen einander und von einander weg. Und wenn die tektonischen Platten mit einander verkeilt sind, treten hohe Spannungen auf, die sich irgendwann mal durch Erdbeben entlasten.

Auch in Las Terrenas hat das letzte Mal 1946 ein starkes Erdbeben mit Opfern stattgefunden. Der Puerto Rico Graben liegt 60km vor der Küste. Dort schieben sich die amerikanische Platte und die karibische Platte jedes Jahr 2cm an einander vorbei bzw. es bauen sich einfach Erdspannungen auf, die sich von Zeit zu Zeit durch Erdbeben entlasten. Ich rechne das rasch durch. Seit 1946 sind 66 Jahre ohne Erdbeben vergangen. Es ist also auch für Las Terrenas ein sehr starkes Erdbeben zu erwarten, das wird mir schlagmals klar, aber das wird ja wohl nicht heute oder morgen kommen. Aber was können wir für die Erdbebenopfer in Port au Prince tun?

Einige Zeit nach diesem Erdbeben sprach ich per Zufall mit einer alten Dame, die mir von ihrem Erlebnis des Erdbebens von 1946 berichtete. Sie war damals als Mädchen gerade am Meer, als die Erde bebte. Etwa 15 Minuten später sah sie plötzlich, wie das Meer sich zurück zog und die Korallenbänke freilegte. Sie realisierte sofort, was das war, das Meer holte Luft und würde dann mit einer grossen Welle wieder zurück kommen. Sie rannte, so schnell sie konnte, gegen die Loma zu und dann war die Welle auch schon da, sie schwappte durch ganz Las Terrenas und spülte alles fort, was sich bewegen liess. So weit der Bericht der alten Dame.



Einen Tag nach dem Erdbeben

Am 13.Januar meldete sich Rita Hirt, eine Freundin aus Zürich und erklärte mir, dass Marcel, ein naher Freund von ihr, aus einer Familienstiftung eine grössere Summe zur Verfügung stellen will, um Soforthilfe zu leisten. Wenn ich zustimme, sei das Geld am nächsten Tag auf meinem Konto und ich könne es nach eigenem Ermessen sofort in Haiti einsetzen. Allerdings mit der Massgabe: 'Leiste Erste Hilfe vor Ort, richte eine Suppenküche ein und sammle Kinder von der Strasse auf, die ihre Eltern verloren haben!'

Als ich das Mail von ihr las, bekam ich Gänsehaut. Wie kann ich das anpacken? Ich muss mir einen Jeep mieten und entscheiden, was ich an Hilfsgütern mitnehme. Aber ich kann doch nicht einfach die 600km hinfahren und dann wie ein Ochs vorm Berge da stehen und nicht wissen, was dann zu tun ist. Denn ich muss vor Ort eine Hilfsmannschaft zusammenstellen, die Hilfe organisieren und eine Unterkunft mit Kommunikations-Zentrum einrichten.

Als ich das mit Raymonde beprach, lachte sie nur und sagte, lass` mich das mal machen, ich habe viele Freunde dort. Sie griff zum Telefon und als sie endlich ihre Mutter am Telefon hatte, war sie erst mal sehr froh, dass es ihr gut ging. Dann erklärte sie ihr das Problem und Mama Madou versprach, alles vor Ort zu organisieren. Und als ich nachher fragte, was `vor Ort` heisst, erklärte sie mir, dass das La Saline, der Slum am Hafen von Port au Prince sei.

Ich teilte dann Rita in Zürich mit, dass ich die Aufgabe annehmen und managen werde und schon am nächsten Tag war das Geld auf meinem Konto.

Das ist Mama Madou mit Adrien, ihrem Mann, die Eltern von Raymonde. Sie lebten beim Erdbeben in einem kleinen eingeschossigen Haus in La Saline am Hafen von Port au Prince in Haiti. Sie hatten dort einen Comedor, ein kleines Restaurant für die Menschen in La Saline

Mama Madou und Adrien wollten das ganze Projekt vor Ort organisieren und leiten. Sie waren überglücklich, dass nun Hilfe in der Not kommen werde.

Der nächste Tag war sehr hektisch für mich. Als erstes brauchte ich einen Jeep mit Allradantrieb, denn die Strassen in Haiti, so hatte ich mich erkundigt, waren damals in einem erbärmlichen Zustand. Ich klapperte alle Autovermietungen in Las Terrenas ab, aber ich bekam keine Zusage, sogar Sainar an der Calle Duarte, der ein guter Bekannter von mir war, erklärte mir, dass ihm das Risiko in Haiti zu hoch sei und überhaupt, keine Versicherung würde ein Auto für eine Fahrt in das Erdbebengebiet von Haiti versichern. Da stand ich nun mit nur meiner Pasola, wie bekam ich das Projekt in die Gänge? - Aber, liebe Freundinnen und Freunde, Raymonde wusste mal wieder, was Sache ist. Sie hatte einen Bekannten, Andy, der ab diesem Moment zu einem meiner besten Freunde wurde, der hatte einen Geländewagen, Chevrolet Tracker.

Und Andy sagte zu, ich könne den Jeep für 12000 Peso für eine Fahrt hin und zurück bekommen, müsse aber für alle Schäden am Auto aufkommen. Ich nahm das an, war es doch meine einzige Option. - Und ich bekam das Auto innerhalb von 1 Stunde und der Einkauf konnte beginnen.. Ich hatte mir ja schon vorher gemeinsam mit Raymonde eine Liste gemacht und am Abend war das Auto vollgepackt, für eine Reise ins Unbekannte, in das 600km entfernte Erdbebengebiet von Haiti.




Schon sehr früh am nächsten Tag ging es los. Die asphaltierte Strecke über Santo Domingo nach Barahona war kein Problem, von da bis an die Grenze von Jimani, am Lago Enriquillo vorbei war Schotterpiste und an der Grenze musste ich noch ein Grenzproblem mit Geld lösen.

Von der Grenze bei Jimani bis Port au Prince waren es noch etwa 80km und als wir dort
ankamen, war es schon dunkel geworden.

Jetzt sah ich über die Silhouette der Stadt, bzw. was davon noch übrig war hinweg, das licht-, rauch- und geruchverbreitende Feuer, wo die Leichen verbrannt wurden. Die Menschen auf der Strasse hatten z.T. Geruchsmasken vor dem Gesicht. Weil es keine Elektrizität gab, war alles in ein gespenstisches Schwarz getaucht, nur der Feuerschein der Leichenverbrennung war in der Ferne auf makabre Weise zu sehen.

Ich fuhr zwischen Schuttbergen hindurch, in denen sich Menschen im Schein von brennenden Feuern bewegten und musste aufpassen, nicht auf Trümmerbruchstücke aufzufahren, begleitet von den Hinweisen von Raymonde, die mich im Schein der Autolampen irgendwohin dirigierte. Dann waren wir plötzlich angekommen.

Der kleine Ortsplatz in ‚La Saline’ zwischen den kaputten Häusern war übersät mit in weisse Laken eingehüllte Menschen, die sich zum Schlaf auf Tücher und Plastikfolien gebettet hatten und nur kurz den Kopf hoben, als wir ankamen.