Im Oktober 2010 trat die Cholera in Haiti auf. Angehörige der UN-Schutztruppe, die am Oberlauf des Artibonite-Flusses stationiert waren, hatten sie aus Nepal eingeschleppt. Am Unterlauf des Flusses erkrankten die haitianischen Einwohner zuerst. Und von dort aus verbreitete sich die Seuche ganz schnell über das ganze Land. In La Saline hatten wir inzwischen die neue Wasser-Zisterne in Betrieb genommen, hatten also sauberes Wasser, das regelmässig aufgefüllt wurde. Schon am Anfang war die Infektions- und Sterberate ungewöhnlich hoch. Es infizierten sich innerhalb eines Monats 11000 Menschen, von denen etwa 800 verstarben. Erkrankte Menschen müssen wir den Ärzten überlassen. Auch die schlechten hygienischen Bedingungen können wir nicht schnell genug verbessern. Das absolut Schlimme hier in La Saline ist, dass die meisten für sich kochen, essen und trinken, mit Wasser und Esswaren, die wegen fehlender Geldmittel und grässlicher Hygiene grottenschlecht und bakterienverseucht sind. Was wir tun können ist, wir versorgen die Suppenküche ganz zentral mit sauberem Wasser und gut gereinigtem Gemüse für die Essensmahlzeiten. Wir müssen auf die Suche gehen, hygienisch (möglichst) einwandfreie Lebensmittel zu bekommen und dafür sorgen, dass die Essensbedingungen möglichst optimal sind. Es ist kein Restaurantbetrieb, sondern eine offene Essensausgabe. Was wir verbessern müssen ist, jeder bekommt ein neues Essensgebinde, um Vorverseuchung zu verhindern. Vorverseuchte Essensgefässe können schon Krankheitsauslöser sein.
Mama Madou rief immer wieder aus La Saline an und schilderte laufend, wie schlimm die Entwicklung war. Die Epidemie griff um sich und wie Mama Madou am 19.November mitteilte, hatten sie die ersten Todesfälle auch hier in La Saline. Was in dieser Situation erforderlich war, waren Cholera-Medikamente. Doctora Junette rief an und bat mich, Cholera-Tabletten aus Las Terrenas zu besorgen, denn sie waren schnell in Haiti verbraucht. Sofort konnte ich 2000 Tabletten organisieren und mit einem Boten nach Haiti senden.
Die Lage wurde immer prekärer in Haiti.
Wegen ihres angekratzten Gesundheitszustandes haben wir Mama Madou, die Mutter von Raymonde, im März 2011 zu uns nach Las Terrenas genommen. Sie hätte eine Ansteckung mit dem Cholera-Bazillus nur schwerlich überstanden.
Auswirkungen der Cholera-Epidemie
Am 21. Oktober 2010 wurde der Ausbruch der Cholera offiziell durch die haitianischen Gesundheitsbehörden bestätigt. Bis zum 17. Dezember 2010 wurden insgesamt 121.518 Cholera-Erkrankungen, 63.711 Krankenhausaufnahmen und 2.591 Todesfälle registriert. Epidemiologen gehen mehrheitlich davon aus, dass die Cholera durch nepalesische UN-Soldaten ins Land eingeschleppt wurde. Am 17. August 2016 räumten Vertreter der Vereinten Nationen erstmals eine Verantwortung für den Ausbruch der Cholera offiziell ein.
Die Cholera hat die ohnehin mühsamen Wiederaufbau maßnahmen nach dem Erdbeben verzögert und macht noch immer viele weitere organisierte Hilfsmaßnahmen erforderlich. Die enorme Dimension an nötigen Hilfsmaßnahmen wie zum Beispiel einem umfassenden Aufbau von Sanitärsystemen kann von den Hilfsorganisationen nicht übernommen werden, hier steht vor allem die Regierung des Landes in der Pflicht. Die Zusage der internationalen Gemeinschaft von elf Milliarden US Dollar für den Wiederaufbau der Erdbebenregion ist – noch immer – verbindlich, deren Ausschüttung an den Staat wird jedoch von einem „Masterplan“ abhängig gemacht. Informationen aus Wikipedia.
Die Auswirkungen der Cholera-Epidemie für mein Hilfsprojekt
Je länger das Erdbeben zurücklag, umso geringer war die öffentliche Aufmerksamkeit und auch die finanzielle Unterstützung. Als dann die Cholera-Epidemie im Oktober 2010 ausbrach, wurde die Lage für meine helping hands immer schwieriger. Die finanziellen Mittel waren aufgebraucht. Meine Mitarbeiter in Haiti gingen wieder ihren persönlichen Aktivitäten nach. Für Mama Madou, Adrien und Alvin wurde die Situation in Haiti im Laufe des Jahres 2011 unhaltbar. Eine persönliche Hilfe war nicht mehr umsetzbar. Als ich auch noch an Dengue erkrankte, und ins Spital von LasTerrenas musste, kam mein persönliches Engagement zum Erliegen.
Das Kinder-Hilfsprojekt hatte ich mit Hilfe von Rita Hirt an die Baptisten-Gemeinde abgegeben. Aber von dort kam keine Hilfe. Rita Hirt meldete sich nicht mehr. Auch meine Anfrage an die Familienstiftung blieb unbeantwortet.
Im März 2011 nahm ich zunächst Mama Madou zu mir nach Las Terrenas und hernach kamen auch Papa Adrien und sein Sohn Alvin. Und damit endete mein Erste Hilfe-Einsatz in Haiti. Die Finanzierung meiner Wohngemeinschaft, die ich jetzt bei mir eingerichtet hatte, lag bei mir. Ich hatte die Mitarbeiter rekrutiert und meine Sorge galt jetzt ihnen.
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