Ich war eigentlich glücklich, dass das Hilfsprojekt, das ich so Knall auf Fall angenommen hatte, so rasch in die Gänge gekommen war. Aber was fehlte, das war eine Ordnung im Chaos. Das Geld rinnt einem wie Wasser durch die Finger. An Finanzplanung ist nicht zu denken. Die Erfordernisse sind überdimensional und Zeit ist keine vorhanden. Die mausarmen Menschen in La Saline sind wie ein trockener saugender Schwamm.
Am meisten Sorgen machten mir die Kinder im Steingarten von Pastor Joseph. Meine Kontakte mit Rita in der Schweiz waren nicht eigentlich zufriedenstellend. Ich hatte wenig Zeit, hinzu kam die 5-stündige Zeitverschiebung Wenigstens konnte ich das Problem mit den Waisenkindern von Pastor Joseph mit ihr besprechen. Wir vereinbarten, dass Pastor Joseph unterscheiden sollte zwischen den 10 Vollwaisen, die ein Zuhause brauchten und den übrigen, die nur am Tage beaufsichtigt und beköstigt werden mussten. Für die Vollwaisen brauchte es Pflegefamilien und für alle brauchte es eine Lehrperson und eine Beaufsichtigung in Pastor Josephs Steingarten. Die Schulanforderungen mussten geklärt werden. Alles lag in den Händen von Pastor Joseph, der aber auch noch vom Erdbeben verletzt war. Ich gab das an Raymonde weiter, die das mit Pastor Joseph klären sollte.
Ich musste erstmal die Finanzen in den Griff bekommen. Die Summe, die mir die Familienstiftung übergeben hatte, würde nicht weit reichen, das war mir bald klar. Ich musste weitere Mittel generieren. Ich machte mehrere Aufrufe im Internet und bekam gute Resonanz. Das stimmte mich wieder hoffnungsvoller. Ein Riesenproblem bestand darin, dass viele Menschen unter unwürdigen Bedingungen auf der Strasse lebten.
Viele Menschen im Stadtkern sind unter Tonnen von Beton und Stahl eingeklemmt gestorben
und liegen solange in ihren Betongräbern, bis der Schutt weggeräumt wird. Die Davongekommenen haben sich auf freie Plätze geflüchtet, die meisten davon mit mehr oder weniger starken Verletzungen. Soweit diese nicht in Spitäler und Notkliniken behandelt werden konnten, sind sie in der Stadt geblieben und liegen nun dort, nur spärlich gegen Sonne und Regen geschützt.
Auf der Plaza Sta. Anna neben der gleichnamigen eingestürzten Kirche biwakierten seit dem Erdbeben eine Vielzahl obdachloser, teils verletzter Menschen, als einzige Bleibe, nachdem ihre Wohnungen zerstört wurden. Zur zweiten und dritten Hilfsfahrt hatte mir die Ärztin Listen mit Medikamenten mitgegeben, die ich ihr dann mitbringen sollte.
Mehr als zweihunderttausend Menschen sind beim Erdbeben in Port au Prince ums Leben gekommen. Viele Kinder haben ihre Eltern oder mindestens ein Elternteil verloren. Ihr Leben hat sich dadurch radikal verändert. Sie haben ihre familiären Wohnbedingungen verloren und sind eigentlich heimatlos geworden. Mein Stellvertreter Jodny wohnte in einem Zelt auf der Plaza Santa Anna, während seine Frau und seine drei Kinder gleich nebenan in einem noch teilweise bewohnbaren Haus lebten.
Doctora Junette hatte sich bei meiner ersten Hilfsfahrt vom 16.-19. Januar spontan bereiterklärt, mit den medizinischen Mitteln, die ich in drei Kisten mitgebracht hatte, eine Sofortversorgung auf der Plaza Santa Anna und im Stadtteil La Saline vorzunehmen
Sie ging von Patient zu Patient und versorgte die Wunden. Hier versorgt sie eine Wunde am Kopf, dort versorgt sie die Wunden am Bein und bespricht das weitere Vorgehen mit Raymonde auf creolisch
Abends legten sich die Menschen im Slum La Saline nicht in ihren Häusern, sondern auf der Plaza Jeremie zum Schlafen auf die Erde, aus Angst vor neuen Erdbeben.. . . und Madame Vousèle spricht das Abendgebet unter dem Dach der von mir mitgebrachten blauen Planen.
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